Fußball auf europäischem Niveau

Das erste Europapokalspiel seit neun Jahren hielt, was es versprochen hatte. Gegen einen spielerisch starken Gegner aus Spanien zeigte Berlin die bisher beste Saisonleistung und hätte am Ende des Spiels sogar einen Sieg verdient.

Erste Überraschungen gab es schon bei der Aufstellung: Ondrej Duda durfte erstmals von Beginn an auf der Zehn spielen, die Doppelsechs dahinter wurde von Lustenberger und Darida gebildet. Das hatte auch unmittelbare Auswirkungen auf das Ballbesitzspiel: So ergab sich eine klare Sechser-Achter-Zehner-Aufteilung mit Lustenberger als absicherndem Sechser, Darida als umtriebigem Verbindungsspieler und Duda recht klassisch auf der Zehn. 

In der Anfangsphase gehörte der Ball aber meist den Gästen. Angetrieben von der sehr beweglichen Doppelsechs Vesga und San Jose wurde der Ball aus tieferen Zonen über Ablagen schnell und direkt nach vorne gebracht. Um diese Schnellangriffe vorzubereiten, pflegte Bilbao eine sehr sichere, aber gleichzeitig druckvolle Zirkulation zwischen der Innenverteidigung und den schon angesprochenen Sechsern, die dafür oft abkippten (Vesga) oder hinter die Außenverteidiger herauskippten (San Jose). Durch intelligentes Bewegungsspiel und gut abgestimmt zurückfallende Bewegungen der Offensivspieler verwaiste trotz der vielseitigen Läufe das Zentrum zu keinem Zeitpunkt. Ziel war es den Ball zu einem der vier vorderen Spieler in der 2-4-1-3-Aufbaustruktur zu bringen, wenn möglich hinter der Abwehr.

Szene aus der 16. Minute, Vesga setzt den geschickt gestarteten Muniain in Szene.

So hatte die Hertha in der Anfangsphase ihre Probleme damit, den Spielfluss der Basken wirklich zu unterbinden und kassierte beinahe auch schon früh einen Gegentreffer. Nach spätestens 20 Minuten hatte sich die alte Dame aber schon wieder stabilisiert. Nun gab es zum einen durch den großen Bewegungsradius von Duda, der sich immer wieder passend ins zentrale Mittelfeld fallen ließ, und zum anderen durch Läufe von Weiser und (mit Abstrichen) Kalou auch ordentlichen Druck auf die Innenverteidiger.

Bilbaos Angriffe endeten zunehmend auf dem Flügel, die Außenverteidiger hatten oft keine andere Möglichkeit mehr als früh zu flanken. Ganz ungefährlich war das zwar nicht, aber auch kein Vergleich zu den Kombinationen durch den Zwischenlinienraum, die einem als Hertha-Fan das Schlimmste befürchten ließen. Um den Ball dennoch in die gefährlicheren Zonen zu bringen, waren die Basken nun auf Einzelaktionen von Muniain und Co. angewiesen.

Nach und nach übernahm Hertha die Kontrolle über das Spiel. Maßgeblich dafür war der gute Spielaufbau, der davon profitierte, dass mit Weiser und Duda statt Leckie und Esswein zwei Spieler auf dem Platz standen, die für Kombinationen auf engem Raum bestens geeignet sind. Um überhaupt erst dahin zu kommen, war aber noch eine außergewöhnlich gute Raumkontrolle nötig: In den ersten Minuten presste Bilbao relativ hoch, woraufhin Hertha zu einigen frühen langen Bällen griff. Diese hatten als Ziel Ibisevic, um den herum sich Herthas Mittelfeld sehr gut zusammenzog. Weiser und Kalou boten sich entweder als Option in die Tiefe an oder unterstützten zusammen mit Duda den Kampf um die zweiten Bälle, wobei der Slowake auch die primäre Anspielstation für Ablagen darstellte.

Solche Ablagen sind naturgemäß schwer zu kontrollieren, selbst wenn sie von der Richtung her gut ankommen. Duda machte dies aber nichts aus, stattdessen löste er mit Leichtigkeit solche Engen auf und verteilte den Ball meist sofort weiter nach außen. Wurde der Ball wieder zurück in Richtung Thomas Kraft geköpft, so landete gefühlt jeder Ball in den Fängen der Berliner Doppelsechs. Vor allem Lustenberger ist beim Auflesen loser Bälle sehr talentiert und kann oft schon mit dem ersten Kontakt einen Angriff einleiten, den er sofort mit einem Vertikallauf unterstützt. Insgesamt zeigte sich der Berliner SC so gegen alles gewappnet und konnte über lange Bälle eine sichere Ballzirkulation initiieren.

Rechtsüberladung aus der ersten Halbzeit. Bilbao hatte den Ball gerade geklärt, er ist aber schon wieder bei Lustenberger, der einen schönen Pass in die Überzahlsituation spielt.

Hier kam dem Hauptstadtklub die Spielstärke und -freude der offensiven Akteure zu Gute. Immer wieder überlud die Offensivreihe durch weites Ausweichen von Duda und Darida einen Flügel. Gerade auf rechts mit dem klug unterstützenden Pekarik konnte man gut Überzahlsituationen schaffen, auch wenn noch keine wirklich gefährlichen Chancen heraussprangen. Links waren die Angriffe etwas linearer, da Lustenberger als nominell linker Sechser nicht so viel unterstützte, während Darida zudem eher nach rechts tendierte. Einige Male verpasste es Plattenhardt aber auch, den Angriff nochmal ins Zentrum zu verlagern und legte sich zu früh auf einen eindimensionalen Versuch fest.

Selbst sowas stellte aber kein Problem dar, da Herthas Raumkontrolle auch in höheren Zonen beeindruckte, weswegen Bilbao immer wieder lange ins eigene Drittel gedrückt werden konnte. So war bei Flanken immer eine gute bis sehr gute Rückraumbesetzung vorhanden, bei den Überladungen auf den Seiten konnten die ballnahen Spieler schnell ins Gegenpressing übergehen und wurden sehr gut von Lustenberger abgesichert.

Ein Grund für Herthas gute Leistung war sicher auch die defensive Ausrichtung Bilbaos. Die Basken agierten deutlich weniger mannorientiert als die meisten deutschen Gegner der Hertha. Dabei ließen sie immer wieder Platz im Sechserraum für Lustenberger, da die Anbindung der Stürmer ans Mittelfeld in ihrem 4-4-2 nicht optimal war. So konnte Hertha das Spiel gut kontrollieren und mit Überladungen auch wirklich Überzahlen herstellen. Ganz schlicht gesagt ist das gegen mannorientierte Gegner nicht möglich, weil jeder Lauf verfolgt wird.

Im zweiten Durchgang setzte sich die Tendenz der ersten Hälfte fort, schnell kamen Ibisevic und Kalou so auch zu handfesten Chancen. Personell hatte sich zwar nichts verändert, bei der Hertha begannen nun aber Positionsrochaden in der offensiven Dreierreihe. Dadurch konnten Duda und Weiser noch besser in Szene gesetzt werden und sich gegenseitig ergänzen. Meist waren es die beiden, die zusammen eine Enge auflösten und dann auf den ballfern warteten Kalou verlagerten, der dann das eins gegen eins suchte. Der Ivorer steigerte sich im Vergleich zum ersten Durchgang enorm und schien phasenweise an die Form anknüpfen zu können, in der er so ziemlich jeden Gegner mit, wenn überhaupt, simplen Finten ausspielen kann.

Bilbao begann gleichzeitig einige Ballbesitzphasen einfach herzuschenken, beispielsweise durch völlig überhastete Abschläge von Iago Herrerin, was natürlich ein gefundenes Fressen für den wirklich überragend antizipierenden Lustenberger darstellte und Hertha Sicherheit gab. So wurden dann auch die zu bespielenden Räume größer, was wiederum Weiser und Duda zu Gute kam, die diese Räume auch immer früher erschließen konnten, was Kalou mehr Raum verschaffte.

Der einzige Kritikpunkt in dieser Phase war, dass kein Tor erzielt werden konnte. So verhielt es sich auch für den Rest der Halbzeit, obwohl Hertha weiter klar Ton angebend war. Mit der Einwechslung von Leckie für Ibisevic änderte sich das auch nicht, wenngleich der Australier keinen allzu großen Einfluss üben konnte.

Abschließend wirft das Spiel vor allem Fragen auf:

Wer hat sich wieso dafür entschieden, in den ersten Saisonspielen Alexander Esswein den Vorzug vor Duda zu geben?

Will ich die Antwort auf die erste Frage überhaupt wissen?

Ist Weiser als Rechtsverteidiger verschenkt? Natürlich hat er da enormes Potenzial aber seine Fähigkeiten in engen Räumen und die Läufe im Pressing sind nochmal auf einem anderen Level…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.