Die Neuzugänge unter der Lupe

Der Transfermarkt ist noch nicht mal geöffnet, Michael Preetz aber dennoch schon einige wichtige Transfers verkünden können, die mit Blick auf die nächste Saison einige taktische Optionen eröffnen. Dieser Artikel soll die mögliche Einbindung der Neuzugänge beleuchten. Bevor wir einen Blick auf die möglichen systematischen Veränderungen werfen, gehen wir aber noch kurz die einzelnen Transfers durch.

Als wirklich nennenswerten Abgang gibt es bisher nur Brooks zu vermelden. Mit ihm verlässt der spielstärkste Innenverteidiger die Hauptstadt. In vielen Spielen musste er die große Last des Spielaufbaus fast alleine schultern, was er aber nicht konstant schaffte. So bot er immer wieder wirklich tolle Pässe oder Vorstöße, phasenweise dann aber auch nichts mehr. Mit Karim Rekik konnte das Management schnell einen Ersatz präsentieren. Der Niederländer fällt vor allem durch seine kompromisslose Zweikampfführung auf, verfügt aber auch über ein ordentliches Aufbauspiel, wenngleich er in einigen Szenen etwas statisch wirkt und sich manchmal über eine unpassende Körperhaltung selber einschränkt. Das kann gerade unter Druck zu Problemen führen, tritt aber nur wirklich selten auf.

Neben dem Neuzugang von Marseille zieht es auch Davie Selke und Matthew Leckie an die Spree. Aufgrund dieser Transfers möchte Dardai die Hertha in Zukunft häufiger in Zweistürmersystemen auflaufen lassen, entweder in einem 3-5-2 oder einem 4-4-2. Leckie soll sowohl die Position als zweiten Stürmer, als auch die eines Wing-Backs in dem Dreierkettensystem besetzen können, darüber hinaus wird er sicherlich auch als Flügelstürmer zum Einsatz kommen. Zuerst muss festgehalten werden, dass man ihn nicht auf sein Tempo reduzieren darf, auch wenn er wirklich, wirklich schnell ist. Vielmehr kann er nämlich auch unter Druck kombinieren. Er neigt aber auch oft zu Unsauberkeiten, dürfte also nicht allzu isoliert eingesetzt werden. Das könnte als Außenbahnspieler in einem 3-5-2 durchaus der Fall sein. Das Mittelfeld muss hier deutlich bessere Verbindungen zum Flügel herstellen, als es über weite Strecken der abgelaufenen Saison der Fall war. Wird er als Flügelstürmer aufgeboten, zieht es Leckie auch oft in den Halbraum und vielleicht noch etwas weiter in die Mitte, was gut zum Berliner Spiel passt.

Kritischer sehe ich die Verpflichtung von Davie Selke. Der U21-Nationalspieler verkörpert ein wenig den Prototypen eines Strafraumstürmers: Er hält seine Position ganz vorne sehr konsequent, für einen Zweimannsturm vermutlich sogar zu konsequent. Raumschaffende Ausweichbewegungen oder zurückfallende Bewegungen in den Zwischenlinienraum um Ablagen zu spielen sieht man von ihm extrem selten und wenn er dann doch mal eingesetzt wird, hat er oft Probleme bei seinem ersten Kontakt. So ist es auch mehr oder weniger logisch, wieso er es bei RB Leipzig nicht geschafft hat: Die dort praktizierten engen Kombinationen erfordern die Teilnahme jedes Spielers, Selke setzt sich aber in solchen Szenen oft nur etwas ballfern ab und wartet auf einen Schnittstellenpass. Das könnte vor allem in der Konstellation Ibisevic-Selke zu wenig sein. Der Bosnier zeichnet sich zwar durch extrem große Fähigkeiten im Festmachen und Ablegen des Balles aus, ist aber niemand, der sich dann noch um seinen Gegenspieler dreht und Selke mit einem Pass durch die Abwehr in Szene setzt.

Um das Ganze besser beschreiben zu können, werfen wir am besten einen Blick auf mögliche Aufstellungen in der nächsten Saison, die alle Neuzugänge unter einen Hut bringen könnten:
In dieser Variante könnte man Selke vermutlich noch gut einbinden. Dabei gilt es zu beachten, dass nun quasi die Zwischenlinienraumpräsenz des Zehners ersetzt werden muss. Da sowohl Leckie als auch Kalou gerne weit einrücken, kann Hertha in dieser Konstellation genug Verbindungen herstellen, um nicht auf den Flügeln isoliert zu werden. Wichtig dafür ist eine Doppelsechs aus Darida und Skjelbred, die durch ihre umtriebige Art dazu beitragen kann, dass die alte Dame trotz ihres etwas statischen Sturms in vielen Situationen im Zentrum Überzahlsituationen hat. Sollten die beiden jedoch zu viele Wege machen müssen, kann dies auf Kosten der Stabilität gehen. Etwas fraglich ist auch noch, wie gut sich Leckie hier zurechtfinden würde. Ziemlich interessant könnten die Wechselwirkungen zwischen Mitchell Weiser und Leckie werden, da Weiser auch selber gerne den Halbraum besetzt, was direkte Passwege auf Matthew Leckie öffnen kann.
Sobald einer aus dem Quartett Kalou, Darida, Skjelbred, Leckie ausfällt, wird es dann aber kompliziert, da Berlin weder über weitere Flügelspieler, die alleine aus dem Zwischenlinienraum Chancen kreieren können (Haraguchi ist besser, wenn er diagonal von außen kommt und Stocker braucht noch eher Kombinationspartner) noch über weitere so umtriebige Sechser/Achter-Hybride wie Skjelbred und Darida verfügt. Natürlich kann man auch mit anderem Personal noch erfolgreich sein, es wird bloß schwer das Ballbesitzspiel aus der letzten Saison zu verbessern, was für einen Taktikblogger selbstverständlich von größter Wichtigkeit ist ^^

In Umschaltsituationen kann es bei Ausfällen ebenso kritisch werden, da es zwar schnellere Spieler als Kalou gibt, jedoch häufig die Wichtigkeit von schnellen Spielern bei Kontern überschätzt wird. Kalou ist ein sehr guter balltragender Dribbler und extrem unangenehm zu verteidigen, wenn er mit etwas Tempo und Raum auf einen Verteidiger zuläuft. So sehe ich auch im ballhaltenden Ibisevic den besseren Umschaltspieler als in Selke, der sich in diesen Szenen schnell in die Tiefe orientiert und wieder auf einen Schnittstellenpass wartet.
Hier deutet sich aber auch, dass es interessante Synergien zwischen Ibisevic und Selke geben kann. Wenn der Bosnier es schafft, seinen Gegenspieler aus der Abwehr zu ziehen, kann er dadurch passende Räume für Selke öffnen. Ob dieses recht simple Mittel oft funktionieren wird, lässt sich schwer vorhersagen. Das soll aber nicht bedeuten, dass Selke bei jedem Ballgewinn sofort nach vorne sprintet. Gerade als alleinige Spitze ist es ja so gut wie selbstverständlich, dass er auch Bälle festmachen muss. Ebenso hier gilt aber, dass er eher in seiner hohen Position verharrt, anstatt sich etwas nach hinten fallen zu lassen. Dadurch wird es einerseits schwieriger für Selkes Mitspieler, ihn zu finden, andererseits ist das Kontrollieren des Balles mit weniger Anbindung naturgemäß schwieriger.

Problematische könnte das Verteidigen werden. Schon in dieser Saison hatte man in Spielen mit zwei Stürmern oft Probleme dabei, defensiv die Kompaktheit zu wahren und gleichzeitig Druck aufzubauen. Das beste Beispiel dafür stellt das Spiel gegen Leverkusen dar, als Aranguiz immer wieder vollkommen frei im Sechserraum angespielt werden konnte, um den Ball dann hinter die nächsten Linien bringen zu können. Auch gegen Leipzig in der Hinrunde gab es viel zu große Abstände zwischen Mittelfeld und Sturm. Inwieweit diese beiden Spiele als Gradmesser benutzt werden können, ist allerdings auch nicht klar. Immerhin kann Hertha durch die Verpflichtung von Rekik dank dessen aggressiven Herausrückbewegungen den Raum vor der Abwehr auch etwas größer lassen. Dennoch gilt: Selke müsste die geringe Laufleistung von Ibisevic kompensieren. Schafft er das etwa aus einer tieferen Position heraus, könnte er nach dem Ballgewinn sofort in den Raum starten, den ihm der zurückfallende Ibisevic öffnet. Schafft er das nicht, wird die Mannschaft leicht zurückgedrängt und muss entweder extrem riskant durch viel Herausrücken verteidigen oder sich an den Strafraum fallen lassen. Als Konsequenz wird natürlich auch der neuerdings angestrebte Umschaltfokus schwieriger, denn wo kein Ballgewinn und eine an den Strafraum zurückgedrängte Mannschaft, da auch kein Konter.

Die zweite Variante:

Wie oben beschrieben spielt Pal Dardai mit dem Gedanken, sein Team ab sofort auch mal in einer 3-5-2-Grundordnung aufs Feld zu schicken. Auch hier beschäftigen wir uns mit einer Aufstellung, in der beide großen Stürmer der alten Dame vorkommen. Am sinnvollsten ist es auch in diesem Fall, einer Doppelsechs/-acht aus Per Skjelbred und Vladimir Darida das Vertrauen zu schenken. Beide werden umso mehr gefordert sein, bespielbare Strukturen vom Flügel weg zu bilden (Wir gehen einfach mal davon aus, dass die Hintermannschaft sich so lange den Ball hinten zuspielt, bis ein Halbverteidiger an der Seitenauslinie isoliert wird und das Duo aktiv werden muss). Ebenso wichtig würden die Bewegungen des Zehners, der ebenfalls die Flügelüberladungen unterstützen müsste, ohne die weiteren Verbindungen in die Mitte abreißen zu lassen. Sollte Kalou hinter den Spitzen auflaufen, könnte die Anordnung des Mittelfeldtrios zu einem 1-2 tendieren, also mit Skjelbred hinter Darida und Kalou, da der Ivorer sehr gerne aus dem linken Halbraum aus agiert und auch in den bisherigen Spielen immer mal wieder in den Achterraum driftete. Träumen könnte man hier von Überladungen im Zwischenlinienraum, Darida und Skjelbred könnten durch ihren riesigen Aktionsradius trotz eigentlicher Unterzahl für solche Szenen sorgen. Realistisch gesehen wird man sich wohl immer wieder am Flügel entlang mogeln, um die dafür bestens geeigneten Stürmer mit Flanken zu füttern (So muss das ja auch sein!!1!!). Vorher hätte man durch die Aufbaudreierkette noch mehr Stabilität und könnte mit den zentralen Mittelfeldspielern zusammen eine ordentliche Ballzirkulation aufziehen.
So spannend die Möglichkeiten bei eigenem Ballbesitz sein mögen, so kritisch kann das Verteidigen werden. Lässt Dardai aus der dargestellten 3-4-1-2 Ordnung verteidigen, die sicherlich oft zu einer 5-2-1-2-Formation werden würde, müssten Selke und Ibisevic viele weite Wege machen, damit die erste Pressinglinie nicht zu leicht umspielt wird. Selke ist als Pressingspieler zwar in Ordnung, die Aufgabenverteilung wäre dennoch, gelinde gesagt, suboptimal. Zu groß wären die Lücken, die Ibisevic vermutlich hinterlassen würde.

Umso interessanter wäre eine Umformung hin zu einem 3-4-2-1/5-2-2-1. Nun könnte sich Ibisevic voll und ganz darauf konzentrieren, seinen Deckungsschatten auf den Sechserraum zu werfen, während die beiden Halbzehner Pressingattacken starten könnten und deutlich schneller auf den Flügel schieben können. Pässe in diese Formation hinein wären ein gefundenes Fressen für Darida und Skjelbred, Ballverluste quasi vorprogrammiert. Allgemein steht Hertha BSC ein solches 3-4-2-1 deutlich besser zu Gesicht, aber dazu später mehr. Eine weitere Möglichkeit, die wohl die Hipster-Lösung darstellt, wäre die Umformung zu einem 4-4-2 in der Defensive, was beispielsweise die Fiorentina praktiziert. In diesem Kontext wäre es auch interessant, die Position des linken Halbverteidigers mit Plattenhardt zu besetzen, der in der Defensive Leckie nach vorne schieben könnte und zum Linksverteidiger würde, was eigentlich auch in dem allerersten Bild mündet. Im Ballbesitz könnte Plattenhardt sein diagonales Passspiel deutlich besser zur Geltung kommen lassen, wie er es schon bei Nürnberg unter Gertjan Verbeek unter Beweis stellen durfte.
Auch Rekik und Torunarigha könnten diese Rollen beherrschen, wenn auch nicht auf Plattenhardts Niveau. Haraguchi würde auch noch zusätzliche Rochaden ermöglichen, da er schon von Natur aus im Abwehrdrittel gerne in die letzte Linie fällt und sie auffüllt, während er im zweiten Drittel noch durch sehr gutes Anlaufen der Innenverteidiger von außen besticht. So könnte Hertha aus einem 4-4-2-Mittelfeldpressing starten, um sich dann beim Übergang ins Abwehrdrittel zu einem 5-2-2-1/5-4-1 umzuformen, was eine kompaktere Endverteidigung ermöglichen würde und quasi die entgegengesetzte Umformung darstelle.


Was gibt es sonst noch zu sagen? Dieser Artikel hat sich nur auf Aufstellungen mit Selke UND Ibisevic konzentriert, es wird vermutlich aber auch viele Auftritte mit nur einem von beiden geben. Dann wäre, wie kurz erwähnt, ein 3-4-2-1 sehr interessant, weil man das gute Angebot an Innenverteidigern ausnutzen könnte, während gleichzeitig Skjelbred und Darida (für alle, die es noch nicht bemerkt haben, ich mag die beiden) in etwas höheren Rollen wohl noch besser zur Entfaltung kommen können. Egal wieviel ich hier spekuliere, letztlich wird es wohl in den meisten Spielen auf das gewohnte 4-2-3-1-System hinauslaufen. Auch wenn das erstmal etwas langweilig anmutet, ist es mir dennoch lieber als Selke und Ibisevic zusammen aufzustellen, wobei ich mich da auch sehr gerne vom Gegenteil überzeugen lassen würde. Und wie man das so von Vorhersagen kennt: am Ende kommt sowieso immer alles anders, als man denkt.

 

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