PS3 Fußballgott!

So ziemlich jeder Taktikfan, der etwas auf sich hält, muss seine Hipster-Lieblingsspieler haben, die ihn mit einer einzigen, am besten noch sehr unauffälligen Aktion über die Trauer einer herben Niederlage hinwegbringen können. Bei mir ist das Per Skjelbred. In der Öffentlichkeit und unter Herthafans gilt Skjelbred oft als eine Art Vorkämpfer, der sich durch seine hohe Laufleistung und konstant hohen Einsatz auszeichnet. Dabei werden jedoch große Stärken des Norwegers übersehen, denn eigentlich handelt es sich bei ihm um einen sehr spielintelligenten Alleskönner. Anders als beispielsweise Vladimir Darida ist er aber in seinen Aktionen eher unauffällig, weshalb vor allem seine spielerische Stärke oft verkannt wird.

Skjelbred stößt in einer der typischen Rochaden nach vorne, um Raum für den zurückfallenden Darida zu öffnen.
Skjelbred stößt in einer der typischen Rochaden nach vorne, um Raum für den zurückfallenden Darida zu öffnen.

Skjelbred ist alles in allem ein sehr schwer zu fassender Akteur, weil er sehr viele verschiedene Elemente in einem einzigartigen Spielertypus vereint. Als erste Annahme, um ihn doch zu verstehen, könnte man nutzen, dass er ein Balancespieler ist. Daraus resultieren dann die folgenden Beobachtungen. In vielen Situationen sieht sich Skjelbred erstmal in der Pflicht, seinen Mitspielern Räume zu öffnen und ihre Bewegungen zu balancieren. Die flexiblen, improvisierten, aber gleichzeitig gut abgestimmten Rochaden im zentralen Mittelfeld, die Hertha in der letzten Saison so stark machten, wurden größtenteils erst dadurch möglich, dass der Norweger auf jede Bewegung seiner Mitspieler die passende Antwort fand. So war er fast immer in der Lage, trotz der etwas wilden Bewegungen Daridas stabile Verbindungen aufrecht zu erhalten und die Ballzirkulation sicher nach vorne zu bringen. Dabei machte Skjelbred auch nicht vor Positionierungen im Zehnerraum halt.

Insgesamt wird Skjelbred oft auf seine eigene Art und Weise präsent. Anders als Darida, der versucht, immer präsent zu sein, und dabei manchmal untertaucht. Stattdessen kontrolliert Skjelbred immer die Räume, die ihm in der Raumaufteilung der jeweiligen Situation zustehen. Das lässt sich am besten anhand von Beispielen erklären: Am Anfang der letzten Saison bildete meistens das Duo Skjelbred Darida die Doppelsechs vor der Abwehr, dabei war der Tscheche vor allem für Vertikalläufe zuständig und wurde dabei von Skjelbred abgesichert. Dieser entwickelte dadurch eine große Präsenz im Sechserraum, den er ja immerhin alleine abdecken durfte. Später, als sein Partner Lustenberger war, wurde Skjelbreds Aktionsradius vom merkwürdigen Bewegungsspiel des Herthakapitäns eingeschränkt, weshalb er sich nur schwer entfalten konnte. Aber selbst Skjelbred kommt gelegentlich in Schwierigkeiten, was seine Positionsfindung angeht. Denn trotz seiner grundsätzlichen Flexibilität braucht auch er natürlich ein Umfeld, das ihn passend einbindet. So bewegt er sich nicht wirklich oft ins letzte Drittel sondern sichert die dortigen Angriffe eher ab und bietet sich für mögliche Rückpässe an. Mit Lustenberger an seiner Seite war dieser Raum aber oft blockiert, sodass Skjelbred in seinen Bewegungen eingeschränkt und ein wenig vom Geschehen isoliert wurde. Situationen, in denen das Team schon ins letzte Drittel aufgerückt ist und Skjelbred entweder als Empfänger eines Rückpasses angespielt wird oder nach einem Ballverlust weite Räume abdecken muss, sind die Szenen, in denen Skjelbred wahrscheinlich am besten ist. Dann hat er nämlich viel freien Raum vor sich, in dem er sich bewegen und Angriffe einleiten bzw. abfangen kann.

Beispielhafte Szene des tiefen Berliner Spielaufbaus zu Beginn der letzten Saison.
Beispielhafte Szene des tiefen Berliner Spielaufbaus zu Beginn der letzten Saison.

Für das Einleiten der Angriffe kommt ihm sein gutes Passspiel zu Gute, das zwar technisch nicht besonders ist, aber zumindest die ein oder andere Überraschung parat hat. Die Pässe, die er dann spielt, sind oft strategisch wertvoll, aber nicht unheimlich spektakulär. So kommen einige weite Verlagerungen auch schon mal überhaupt nicht an, dafür ist der Wert seiner liniendurchschneidenden Pässe natürlich umso wichtiger. Hierfür kippt er dann auch gerne mal etwas ab, was ihm für solche Pässe eine bessere, weil ungestörtere Ausgangsposition verschafft. Gerade zu Beginn der letzten Saison, wenn Skjelbred von einem Außenverteidiger kurz angespielt wurde, konnte er je nach Staffelung einen solchen Pass anbringen.

Durch seine strategischen Stärken erkennt er aber auch sehr gut, wann ein Rückpass eher angebracht ist. Überhaupt geht Skjelbred oft lieber kein Risiko ein, sodass er sich beim Aufbauspiel in tiefen Zonen gut bewegt und passende Pässe spielt, aber das Spiel kaum durch besonders öffnende Pässe voranbringt. Stattdessen verteilt er die Pässe oft nach außen und spielt unter Bedrängnis auch gerne mal zurück. In der abgelaufenen Saison kam Hertha meistens über die Pässe oder Bewegungen der aufrückenden Innenverteidiger nach vorne. Dieses Muster wurde von Skjelbred auch bewusst fokussiert, sodass er auch mit offener Körperhaltung und ohne wirklich anzudribbeln den Ball abgab, damit Brooks, Langkamp und Co. einen eröffnenden Pass spielen konnten.

Am meisten zeichnet sich Skjelbred im tiefen Aufbauspiel jedoch aus, wenn er mit dem Rücken zum gegnerischen Tor steht. Denn dann setzt er manchmal zu kurzen, aber sehr riskanten und doch immer erfolgreichen Dribblings an. Dabei macht er sich meistens das Tempo seines Gegenspielers zu Nutze und legt sich den Ball in die entgegengesetzte Richtung vor, mithilfe seines guten Antritts und einer außerordentlichen Pressingresistenz kann er diese Dribblings immer durchbringen. Auf diese Weise hat er schon einige unangenehme Situationen aufgelöst und Hertha Vorteile in höheren Zonen verschafft. Etwas schade ist dabei aber, dass diese Dribblings nur sehr selten zu sehen sind. Entweder er macht sie lange Zeit gar nicht, oder dann in einem Spiel mehrmals. Würde er solche Aktionen konstanter einbauen, wäre man in der Lage, sie besser zu unterstützen und auch zu nutzen, zum Beispiel indem man andere Gegenspieler wegzieht. Beeindruckend ist während der Dribblings Skjelbreds gute Übersicht und sein gutes Gefühl für gegnerische Dynamiken, durch das er seine Aktionen perfekt timen kann.

Skjelbred erhält unter Druck den Ball, kann aber dennoch gut in den ballfernen Halbraum verlagern.
Skjelbred erhält unter Druck den Ball, kann aber dennoch gut in den ballfernen Halbraum verlagern.

Diese Übersicht wird auch in hektischen Situationen immer wieder deutlich. Skjelbred ist immer in der Lage, den Ball schnell weiterzuleiten und ist auch hier wieder konstant gut in der Umsetzung. Dabei kann er sich auch in engen Räumen ohne Probleme zurechtfinden und Angriffe am Leben erhalten. Teilweise scheint es sogar, unter anderem im Zusammenspiel mit Darida, dass Skjelbred manchmal zu schnell schaltet und dadurch die eigenen Mitspieler überfordert. Darida war dann in einigen Situationen noch nicht bereit, die Situation aufzulösen und verlor den Ball. Wahrscheinlich ist es diese extreme Schnelligkeit im Kopf, die den Norweger auch physisch oft schneller wirken lässt, als er es eigentlich ist, zum Beispiel bei seinen Dribblings. Einfach weil er einen Tick früher losläuft und so einen Vorteil hat, der auch als Geschwindigkeitsvorteil ausgelegt werden kann. Außerdem besitzt Skjelbred ein sehr gutes Umblickverhalten, durch das er immer weiß, ob sich in seinem Rücken ein Gegner nähert oder ob er aufdrehen kann, was ihm noch mehr hilft, sich in engen Räumen zurechtzufinden.

Seine starke Übersicht und seine guten technischen Fähigkeiten machen Skjelbred zu einem sehr unangenehmen Gegenspieler, da man bei ihm kaum Ballverluste provozieren kann. Gleichzeitig stellt er so eine sichere Anspielstation im Aufbauspiel der Hertha dar, die auch in schwierigen Szenen Lösungen finden kann. Auch während Kontern kann der Norweger durch eine weitere Fähigkeit überzeugen. Dabei geht es grundsätzlich wieder um Dribblings, diese sind nun aber ganz anderer Natur: waren es vorher noch kleinräumige, meist gegnerschlagende Dribblings, gibt Skjelbred nun eher den weiträumigen Ballschlepper. Natürlich kommt er auch hier in Zweikämpfe, die er aber über Doppelpässe umgeht oder mit seiner Dynamik gewinnt. Vor allem sein Gefühl für die Bewegungen seines Umfeldes eignet sich für eine solche Rolle sehr gut, da in Umschaltsituationen sehr viele unterschiedliche Dynamiken entstehen, die mit dem richtigen Gefühl leicht genutzt werden können. Durch seine Kombinationsstärke kann er durchaus mal weiter nach vorne stoßen, auch wenn er letztlich kein toller Abschlussspieler ist. Gerade in Schlussphasen, wenn Skjelbred mit seiner Pferdelunge nochmals herausragt, kann er durch viele Vorstöße für Entlastung und Gefahr sorgen.

Neben all diesen Stärken in Ballbesitz überzeugt Skjelbred auch gegen den Ball mit seiner enormen Flexibilität. So ist er in der Lage, einen absichernden Part zu übernehmen oder er kann auch selbst herausrücken und den Gegner unter Druck setzen. Dabei besticht er durch gute Nutzung seines Deckungsschatten und ein sehr gutes Zweikampfverhalten. Bei letzterem kommt ihm, wie auch mit dem Ball oft, sein tiefer Körperschwerpunkt zu Gute, durch den er noch beweglicher und weniger leicht auszuspielen ist. Und selbst wenn er doch mal ausgespielt wurde, ist er durch seine hohe Beweglichkeit und Agilität schnell wieder bereit, seinen Gegenspieler zu verfolgen. Darüber hinaus hat er eine sehr starke Antizipation, sodass er immer wieder gegnerische Pässe abfangen kann.

Charakteristisch für seine Bewegungen in der Defensive, vor allem mit Darida auf der Doppelsechs, war das sehr weite Verschieben auf eine Seite, durch das man eine enorm hohe Kompaktheit herstellen konnte. Außerdem konnten beide natürlich auch Mannorientierungen eingehen, die sie aber so wählten, dass sie keine großen Löcher in den Defensivverbund rissen.

Eine unverkennbare Bewegung hat unser Liebling in Szenen gegnerischen Ballbesitzes noch: So kann man oft beobachten, wie er um die Mittellinie herum einen gegnerischen Sechser oder Achter von hinten an den Stürmern vorbei presst, nachdem dieser den Ball im Sechserraum mit dem Rücken zu Skjelbred angenommen hat. Das klingt jetzt vielleicht erstmal nicht so spektakulär, sieht aber oft sehr  ähnlich aus und ist zumindest auch keine Standardaktion, zumal Skjelbred das auf seine eigene Weise macht, die aber schwer zu beschreiben ist. In diesen Aktionen hat er eine sehr hohe Erfolgsquote und hat so zum Beispiel das 1:0-Siegtor im letzten Heimspiel gegen Klopps BVB eingeleitet. Wenn er den Ball mal doch nicht bekommt, begeht er meistens ein Foul.

So sieht das dann ungefähr aus.
So sieht das dann ungefähr aus.

Manchmal fragt man sich dann auch, was um alles in der Welt Skjelbred die Karriere bei einem dauerhaft international vertretenen Klub verbaut hat. Einerseits liegt es wohl an seiner unauffälligen Spielweise, andererseits hat er auch zu  spät zu seiner Idealposition gefunden, immerhin galt er jahrelang als Zehner oder gar Flügelspieler. Im Nachhinein ist sowas immer ziemlich blöd, aber so kann man ihn ja wenigstens im Olympiastadion bewundern.

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